Kopfstand-Erkenntnis
Hundekunde, Slideshow — By barbarawelsch on 26. September 2011 20:01Hunde können Gesichter von Menschen und Artgenossen auf Bildern erkennen und unterscheiden. Das schließt eine Forschergruppe um Anaïs Racca von der Universität Lincoln aus den Ergebnissen von drei Experimenten, bei denen die Blickdauer und -richtung von Hunden beim Betrachten von Abbildungen von verschiedenen Gesichtern und Objekten ausgewertet wurden. Allerdings gibt es beim Hund kein besonderes Hirnareal, das sich auf das Erkennen von Gesichtern spezialisiert hat, wie man es beim Menschen durch besondere ´Kopfstandstests` (inversion effect) nachgewiesen hat.
Tatsächlich ist es gar nicht so selbstverständlich, dass Hunde Gesichter überhaupt auf Abbildungen erkennen können. Schließlich orientieren sich Hunde im Alltag nicht nur mithilfe ihres Sehsinns, sondern auch mit ihrem Geruchssinn und ihrem Gehör. Darüber hinaus ist ein Bild nur zweidimensional, während sich die Realität in 3D abspielt. Auch die bereits belegte Tatsache, dass Hunde die menschliche Mimik sehr gut deuten können, hat nichts damit zu tun, dass die Tiere individuelle Gesichtszüge unterscheiden können: Lachen, Weinen, Drohen und andere wichtige mimische Signale sind schließlich universell und eben nicht individuell.
Kleinkindtest beim Hund
Um festzustellen, ob Hunde Gesichter unterscheiden können, haben die britischen Wissenschaftler eine Testmethode angewandt, die sich bei der entwicklungspsychologischen Forschung an Kleinkindern bereits bewährt hat. Bei dieser Methode nutzt man die Tatsache, dass unbekannte Personen, Objekte oder in diesem Falle auch die Bilder unbekannter Hunde und Menschen mehr Aufmerksamkeit erregen als bekannte und daher länger betrachtet werden.
Den Hunden präsentierte man Bilder von bekannten und von unbekannten Gesichtern. Tatsächlich betrachteten die Tiere bekannte und unbekannte Gesichter unterschiedlich lange. Interessant dabei war, dass die Hunde die bekannten Gesichter von Artgenossen länger betrachteten als die der unbekannten. Warum bekannte Artgenossen intensiver betrachtet werden, als unbekannte, können die Forscher nicht beantworten. Eventuell nehmen sich die Hunde bei den bekannten Artgenossen einfach mehr Zeit, um mögliche mimische Signale zu deuten.
Bei den Menschengesichtern entsprachen die Tiere den Erwartungen und schenkten den Bildern von Fremden mehr Aufmerksamkeit als denen von Bekannten. Interessant hierbei war, dass die Hunde die menschlichen Gesichter anders musterten als die ihrer Artgenossen. Sie zeigten hierbei eine deutliche Vorliebe für die rechte Gesichtshälfte der Menschen. Hunde verarbeiten die visuellen Informationen über die Gesichtszüge jedoch nicht anders als Informationen über beliebige andere Objekte, wie ein spezieller Test zum Inversions-Effekt zeigte.
Kopfstandtest
Mit Inversions-Effekt bezeichnet man das Phänomen, dass Menschen Abbildungen von Gesichtern, die auf dem Kopf stehend präsentiert werden, wesentlich schwerer erkennen als Gegenstände. Man führt dieses Phänomen darauf zurück, dass Menschen bei der Gesichtserkennung besondere Hirnareale aktivieren. Beim Hund konnte dieser Inversions-Effekt jedoch nicht beobachtet werden. Die Tiere betrachten auf dem Kopf stehende Tische, Sofas und Stühle genauso lange wie Hunde- oder Menschengesichter.
Quelle:
Racca et al (2010): Discrimination of human and dog faces and inversions responses in domestic dogs (Canis familiaris), Animal Cognition 13:525 – 533
Informationen zur speziellen Gesichtserkennung beim Menschen:
Bublitz, Nina (2007): Kennen wir uns?, Gehirn und Geist 11/2007, 68 – 71.
© Barbara Welsch
Tags: Gesichtserkennung, Hund, inversion effect, Kognition, Mimik



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